Die jüdische Schule in Hohenems – Eine weltoffene Bildungsanstalt

Die jüdische Schule in Hohenems wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zum Symbol der politisch-kulturellen Zusammenarbeit über kulturelle und konfessionelle Grenzen hinweg. In dem zwischen 1824 bis 1828 von der jüdischen Gemeinde errichteten Schulgebäude war seit 1851 die "Israelitische Bürgerschule" untergebracht, die weit über Hohenems hinaus einen ausgezeichneten Ruf genoss.
 

Die wirtschaftliche Entwicklung als Grundlage
Gegen Mitte des vorigen Jahrhunderts hatten sich in der Hohenemser jüdischen Gemeinde jene Kräfte durchgesetzt, die aus der "Judenschule" eine moderne Bildungsanstalt machen wollten. Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts wurden die jüdischen Kinder in Hohenems an einer deutschsprachigen „Normalschule“ unterrichtet. Nun sollte die Schule auch dem gewachsenen Bildungshorizont einer international verflochtenen Gemeinde gerecht werden. Die Hohenemser Juden pflegten enge Handels- und Familienbeziehungen nach St. Gallen und Südtirol, nach Triest und Frankfurt, nach Paris und Italien, nach Wien, Konstantinopel und in die USA. Kaufleute und zunehmend auch Industrielle wie die Familien Hirschfeld und Brettauer, Brunner oder Rosenthal, Schwarz und Burgauer gründeten Textilunternehmen und Banken, Eisenbahnen und Brauereien. Und sie hofften darauf, dass ihre Kinder Ärzte, Wissenschaftler oder Künstler würden und in der Gesellschaft Geltung erlangen würden.
Das liberale gesellschaftliche Klima in Hohenems um 1850 machte es möglich, dass Institutionen wie das Kaffeehaus Kitzinger, der Gesangsverein „Frohsinn“ und schließlich auch die jüdische Schule Orte einer Begegnung auf Augenhöhe zwischen Juden und Christen werden konnten, wenigstens für einige Zeit.

Schulhaus um 1900
Foto: Jüdische Schule um 1900 (Quelle: Jüdisches Museum Hohenems)

Die “Höhere Bürgerschule“
Zu Beginn der 1850er Jahre wurde die Schule zu einer "Höheren Bürgerschule" aufgewertet (in der weitaus größeren politischen Gemeinde Hohenems gab es erst ein halbes Jahrhundert später (1911) eine "Knabenbürgerschule"). Unterrichtet wurden neben den klassischen Fächern Deutsch und Rechnen, Französisch und Italienisch, Buchhaltung und Wirtschaft, Geschichte und Geographie, und natürlich Hebräisch und Religion. Mehrsprachigkeit war selbstverständlich. 1859 wurden 74 Schüler unterrichtet. 1862 trat auch der Lehrer Moritz Federmann aus Böhmen in den Lehrkörper ein. Er sollte 51 Jahre hier unterrichten, bald als Oberlehrer und Leiter der Schule. In der Jüdischen Gemeinde versah der Junggeselle zahllose Ehrenämter, aber auch in Organisationen wie dem österreichischen Alpenverein. Mit ihm sollte die Schule ihren guten Ruf im Land viele Jahre behaupten.


Foto: Dekorierung Federmann im Jahr 1904 (Quelle: Jüdisches Museum Hohenems)

Die Schulinspektoren — meist katholische Geistliche — stellten der Schule durchwegs das beste Zeugnis aus. Diese Umstände führten dazu, dass an der Schule auch viele nichtjüdische Lehrer unterrichteten, vor allem aber dazu, dass auch viele nicht-jüdische Kinder die Schule besuchten, ein weithin einmaliges Beispiel im 19. Jahrhundert. Zwischen 1861 und 1896 besuchten insgesamt 134 katholische (darunter 28 Mädchen) und 108 evangelische Schüler (darunter 63 Mädchen) die Schule.

Sein Erfolg änderte nichts daran, dass dieses liberale Projekt schließlich vor dem Ersten Weltkrieg scheitern musste. Der Vorarlberger Landtag verbot 1896 katholischen Kindern den Besuch der Schule, der christlichsoziale Antisemitismus war auf dem Vormarsch. In der schon seit 1860 durch Abwanderung schrumpfenden jüdischen Gemeinde nahm auch die Zahl der jüdischen Schülerinnen und Schüler stetig ab. 1913 wurde die Schule geschlossen. Moritz Federmann starb drei Jahre später.

Dr. Johannes Inama / Dr. Hanno Loewy

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